2. Theorien und Methoden der Emotions- und Angstforschung

„What is an emotion?“[1] Dieser Frage geht William James 1884 in seinem gleichnamigen Artikel nach und muss feststellen:

“[…] [E]motions, have been so ignored in all these researches that one is tempted to suppose […] that they [the researchers] had as yet bestowed no thought upon the subject, or that they had found it so difficult to make distinct hypotheses, that the matter lay for them among the problems of the future.“[2]

Dass niemand über Emotionen nachgedacht hat, stimmt nachweislich nicht. Was Emotionen sind, wurde schon in der Philosophie der Antike diskutiert. Doch bis heute lässt sich die Frage nur durch Arbeitsdefinitionen beantworten. Sind Emotionen das Gleiche wie Gefühle, Gemütsbewegungen, Affekte, Stimmungen oder Launen? Zu den definitorischen Problemen kommen noch die zwischensprachlichen Übersetzungsschwierigkeiten: Ist „fear“ das Gleiche wie Furcht? Bedeutet „anxiety“ Angst oder Ängstlichkeit? Die zahlreichen Schwierigkeiten sind einer der Gründe, warum das Forschungsinteresse zwischenzeitlich vom Thema Emotionen nachgelassen hat.

Im Kontrast zur Vorläufigkeit der Definitionsfindung steht jedoch das klare subjektive emotionale Erleben, das mit deutlich erkennbaren Körperreaktionen, Gedanken und Verhalten einhergeht und für jeden Menschen erfahrbar ist. Das Interesse an Emotionen ist daher mittlerweile in allen Disziplinen wieder so enorm gewachsen, dass angeregt wurde nach dem „linguistic turn“ nun einen „emotional turn“[3] in der Forschung zu konstatieren.

Die Metapher, dass „die Welt der Gefühle ein Kosmos ist“[4], lässt sich auch auf die vielfältige Emotionsforschung übertragen, die hier knapp in den wichtigen Entwicklungen vorgestellt werden soll. Zuerst werden die Forschungsansätze und Theorien zu Emotionen im Allgemeinen vorgestellt, danach diejenigen zu Angst im Speziellen. Die Ergebnisse der Forschung zu Emotionen und Angst werden jeweils zuerst aus interdisziplinärer Perspektive analysiert und hinterfragt, danach aus dem speziellen historischen Blickwinkel. Die Aufteilung der Kapitel schreitet von „Emotion“ im Allgemeinen zu „Angst“ im Besonderen, um eher die Bedeutsamkeit des Themas „Angst“ herauszuheben und weniger die unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Disziplinen. Am Ende der Kapitel soll stets infrage stehen, ob und welche Bedeutung die gesammelten Erkenntnisse für die Anwendung als Historiker haben, insbesondere für den hier untersuchten Fall des Faktors „Angst“ bei Konrad Adenauer und der westdeutschen Bevölkerung bei Ausbruch des Koreakriegs 1950.


  1. James, William: „What is an Emotion?“, in: Mind 9/34 (1884), S. 188-205.
  2. Ebd., S. 188.
  3. Anz, Thomas: „Emotional Turn? Beobachtungen zur Gefühlsforschung“, in: Rezensionsforum Literaturkritik.de (18.01.2007), http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10267#biblio [abgerufen am 28.05.2011].
  4. Weber, Christian: „Gemischte Gefühle. Die Triebkräfte des Lebens“, in: Sueddeutsche.de - Wissen (25.06.2010), http://www.sueddeutsche.de/wissen /gemischte-gefuehle-die-triebkraefte-des-lebens-1.965648 [abgerufen am 19.07.2011].

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