2. Theorien und Methoden der Emotions- und Angstforschung

2.4 Geschichtswissenschaft und Angst

In diesem Kapitel sollen Theorien und Ansätze untersucht werden, die besonders zur Erforschung des Faktors „Angst“ aus historischer Perspektive beitragen können. Die Pioniere der historischen Untersuchung von Angst sind Georges Lefebvre, Jean Delumeau und Peter Dinzelbacher, deren Werke in Kapitel 2.4.1 vorgestellt werden.[1] In Deutschland wird von der Presse gerne der Begriff „German Angst“ aufgegriffen, meist in Situationen, bei der eine besonders hohe Ängstlichkeit der Deutschen im Allgemeinen beschrieben werden soll.[2] Die Frage, ob es genuin nationale Ängste gibt und wie Historiker diese untersuchen können, wird in Kapitel 2.4.2 diskutiert. Joanna Bourkes Theorie der „aesthesiology [of fear]“ ist besonders auf die historische Erforschung von Angst ausgerichtet. Ihre Thesen zur historischen Angstforschung werden in Kapitel 2.4.3 zusammengefasst und ausgewertet. In Kapitel 2.4.4 geht es abschließend um Theorien, die Angst als politischen Faktor betrachten und vor allem aus dem Kontext der Erforschung des Kalten Kriegs und der Internationalen Beziehungen stammen.[3] Wie bisher werden die Theorien vor allem in Hinblick auf die effektive Anwendung im zweiten großen Teil dieser Arbeit untersucht.

2.4.1 Angst als Mentalität

Georges Lefebvre, Herausgeber der Zeitschrift „Annales historiques de la Révolution française“,[4] hat eine Monographie über die „große Furcht“ verfasst, die zu den Bauernaufständen während der Französischen Revolution und damit zur Überwindung der feudalen Ordnung geführt habe.[5] Er gehört zu den ersten Historikern, die Angst als historischen und politischen Faktor in den Mittelpunkt ihrer Forschungen gestellt haben.

Jean Delumeau untersucht in seinem Werk eine spezifische „Angst im Abendland“,[6] die sich vom 14. zum 18. Jahrhundert verändert habe: Das Nachlassen der Bedeutung von magischen Elementen durch den beginnenden Aufbruch der Wissenschaft reduziere die Ängste vor externen Gewalten und ersetze sie durch Ängste, die aus dem Inneren der Psyche kommen, so seine These. Diese Arbeit, inspirierte zwar einerseits die Erforschung von Emotionen als politischen Faktor,[7] blieb aber zu allgemein in ihren Erklärungen und wird daher nicht mehr als theoretische Basis anerkannt.[8] Bourke hält den dort beschriebenen Optimismus für falsch, da gerade die Wissenschaft dazu geführt habe, immer gefährlichere und damit Angst erzeugendere Waffen wie Atom- und Biowaffen zu produzieren.[9] Insgesamt können diese teils kontroversen Ansichten als Aufforderung zur Skepsis verstanden werden, wenn Angst über lange Zeiträume mit Kategorisierung von „zunehmenden“ oder „abnehmenden“ Ängste interpretiert wird.

Peter Dinzelbacher, der auf Mentalitäten spezialisierte Mediävist, untersuchte die „Angst im Mittelalter“[10] und stellte fest, dass die mittelalterlichen Kirchen imaginierte Ängste und Hoffnungen für die eigenen Zwecke erzeugt und instrumentalisiert haben, ohne dass die Kirche oder die Gläubigen dabei Zweifel an der Authentizität dieser Imaginationen entwickelten.

Rosenwein lobt die beiden vorher genannten Pionierarbeiten der Emotionsforschung für die bildhafte Sprache und die reichhaltige Quellenfundierung, kritisiert sie aber für Vermischung von Angst einflößenden Quellen, wie die Kirchen oder Magie, zu „echter Angst“[11] sowie für die Vernachlässigung einer Analyse des kontemporären Verständnisses von Angst.[12]

Diese Beispiele zeigen wiederholt, die Notwendigkeit eines genauen zeitgemäßen Verständnisses von Angst, um nicht das eigene, zeitgenössische Verständnis auf historische Sachverhalte zu übertragen. Das widerspricht aber nicht, der Anwendung „moderner“ Fragestellungen wie der Frage nach der politischen Instrumentalisierung auf historische Quellen.

2.4.2 „German Angst“: Ängstlichkeit als nationale Eigenschaft

Die Journalistin Sabine Bode veröffentlichte 2008 das Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“, in dem sie die These vertritt, dass die Deutschen eine spezifische und fast pathologisch hohe Ängstlichkeit aufwiesen.[13] Insbesondere die Generation der Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs empfinde aufgrund der Kriegstraumatisierung und den damit verbundenen Ängsten ein besonders großes Sicherheitsbedürfnis, das unbewusst auf die Nachkriegs­generationen weitergegeben werde und sich negativ auf die heutige Politik auswirke.[14] Der Begriff „German Angst“ selbst wurde durch die Verwendung in wirtschaftlichen Zusammenhängen zum geflügelten Begriff. [15] In den 1980er Jahren sahen amerikanischen Publizisten die deutsche Wirtschaft stets von Sorge, wiederholtem Überlegen und Verwerfen und nicht von Begeisterung für fortschrittliche Technologien geleitet.[16]

Den Ansatz Angst als nationalspezifisch, pathologisch und konstant darzustellen stellt Frank Biess infrage, da er „derartigen Annahmen einer psychopathologischen Konstante wie auch der Übertragung individualpsychologischer Kategorien auf ganze Gesellschaften eher skeptisch gegenüber“.[17]

Zu diskutieren ist, ob und wenn ja, wie solche Thesen überhaupt mit historischen Mitteln nachzuweisen sind. Selbst heute ist es mit psychologischen Mitteln nicht möglich, ganze Nationen in ihrer Ängstlichkeit zu untersuchen und zu vergleichen, und wenn doch wäre diese Erhebung vor allem von den verwendeten Kriterien für Ängstlichkeit abhängig.

Ein „Angstbarometer“ der klinischen Angst-Fälle wurde bereits als wenig ertragreich diskutiert, da sich die Häufigkeit in Krisensituationen nicht signifikant verändert (vgl. Kap. 2.3.2). Bei Veränderung der emotionalen Normen wird die Vergleichbarkeit gänzlich unmöglich gemacht. Diese Fragen könnten beispielsweise bei einer erneuten Untersuchung der ehemaligen Studienteilnehmer der Nachkriegskinder-Studie unter Einbeziehung von Thesen zur Entwicklung klinischer Formen der Angst, zu Vergleichen mit anderen Kohorten und zu intergenerationalen Effekten erforscht werden.[18]

Nicht nur anhand solcher Projekte zeigt sich, dass der interdisziplinäre Diskurs zwischen Geschichtswissenschaft, Psychologie und Psychotherapie zu befürworten ist: „Kenntnisse über deutsche Geschichte und vor allem ihre Auswirkungen sowie über das Umgehen mit Traumatisierten sind heute notwendige Voraussetzung für alle, die beruflich mit älteren Menschen zu tun haben“.[19] Dies ist ein weiteres Argument dafür, dass Geschichtswissenschaft Emotionen nicht ignorieren darf wenn die historischen Narrative ein vollständiges Abbild der Vergangenheit darstellen sollen, denn sonst „bewiesen sie [die Historiker] ungleich mehr Ignoranz als die historischen Akteure selber.“[20]

2.4.3 Joanna Bourke: „aesthesiology of fear”

Bourke konzentriert sich mit ihrem Ansatz zur historischen Emotionsforschung, den sie „aesthesiology“ [21] nennt, auf die Emotion „Angst“,[22] da sie die einflussreichste Emotion in der menschlichen Geschichte sei:[23] „[Fear is] one of the most significant driving forces in history, encouraging individuals to reflect more deeply and prompting them to action“.[24] Angst hat für Bourke nicht nur eine soziale Funktion, sondern auch eine politische: „[Fear is] a most democratic emotion“.[25] Sie belegt, dass Angst bei antizipierten Ereignissen, solange diese nicht eintraten, als größer empfunden wurde, als beim tatsächlichen Eintreten dieser Ereignisse.[26] Sie zeigt außerdem, dass Schuldgefühle, neben Vertrauen, Sicherheit und Freiheit, ein Faktor sind, der Angst verstärken kann.[27] Insofern kann „Schuld“ zur Liste der Einflussfaktoren von Angst hinzugefügt werden.

In Bourkes Theorie wird empfohlen Emotionen aus drei Perspektiven historisch zu erforschen. Die erste Perspektive sieht Emotionen als „Sprachspiel“, das generischen und narrativen Konventionen folge.[28] Diese Konventionen seien durch Emotionsregeln in „grammars of representation“[29] codiert und müssten von Historikern sichtbar gemacht werden, um sie untersuchen zu können. Für die zweite Perspektive werde Emotionen aus körperlicher Sicht betrachtet: „the physiology of emotions enters the historical frame as part of the ‚coming into being’ of individuals within society“.[30] Bei der dritten, politischen Perspektive geht es um die durch Emotionen vermittelten Machtbeziehung und sozialen Hierarchien zwischen Gesellschaft und Individuum:

„They [emotions] are about power relations. Emotions lead to a negotiation of the boundaries between self and other or one community and another. They align individuals with communities. […] In the process of ‘emotion-work’ (negotiating relationships between individual psychology and social institutions), fear sorts people into positions of social hierarchy.“[31]

In die Archive gelangt diese letzte Dimension der Emotionen „nur in dem Ausmaß, in dem die individuellen Emotionen und damit das Selbst innerhalb der Gesellschaft gezeigt wurden“.[32]

Die Ursache für die Probleme der Historiker, Emotionen zu erkennen sieht Bourke im Problem diese zu definieren, und in der Unsichtbarkeit des subjektiven Anteils der Emotionen.[33] Sie problematisiert die definitorische Unterscheidung Kierkegaards zwischen „Angst“ und „Furcht“ in der Anwendung auf historische Fragestellungen, da diese zu oft eine Zuschreibung von rationalen und irrationalen Emotionen sei. Dass Angst unbestimmt ist, so kritisiert Bourke, darf nicht implizit dazu führen, sie als irrational anzusehen. Diese Zuschreibungen seien ein Teil der diskursiven Macht von sozialen Institutionen, weswegen bestimmte Gruppen Interesse haben, durch die Benennung eines Feinds unbestimmte Angst in die definierte Furcht umzuwandeln.[34]

„The uncertainty of anxiety can be whisked away by the processes of naming an enemy (whether a plausible or implausible one), converting anxiety into fear. Scapegoating, for instance, enables a group to convert an anxiety into a fear, thus influencing voting preferences against an ‚outsider’ group.“[35]

Je nachdem ob Angst oder Furcht eine größere Rolle spielt, habe dies Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen: „Anxiety states tend to make people withdraw from one another, unlike fear states, which are more liable to draw people together, either for comfort or to defend themselves more effectively against the danger.“[36]

Diese Trennung in „in-group“ und „out-group“, in West und Ost, findet sich gerade im Kalten Krieg in seiner vollen Ausprägung. Die Erforschung der Rolle der Angst als politisches Mittel, vor allem im Kalten Krieg und in den internationalen Beziehungen soll im nächsten Kapitel genauer beleuchtet werden. Bourkes Theorien werden im Anwendungsteil nicht als Methode in einem eigenen Kapitel erforscht, sondern in Form einzelner Aspekte, die sie zur Erforschung der Angst herausgehoben hat, im Rahmen der anderen drei allgemeinen Emotionstheorien von Stearns, Rosenwein und Reddy angewandt.

2.4.4 Politik der Angst: Kalter Krieg
und Internationale Beziehungen

Seit 9/11 und der Feststellung einer verstärkten Politisierung von Angst, die sich auf alle Lebensbereiche zu einer ganzen „Kultur der Angst“ ausdehnte, wurde in der Forschung „politische Angst“ wieder stärker thematisiert.[37] So spricht Bernd Greiner angesichts der Anschläge auf das World Trade Center von einer „Rückkehr politischer Angst ins öffentliche Leben“, die „an die dunkelsten Kapitel des Kalten Krieges“ erinnere.[38] Nehring bezeichnet im Sammelband zur „Angst im Kalten Krieg“ politische Angst als „zentrales Charakteristikum“.[39] „Angst in den Internationalen Beziehungen“ insgesamt sei noch „terra incognita“[40], betonen die Autoren des Bonner Sammelbands.[41] Die Ursache für allgegenwärtige Angst während des Kalten Kriegs sieht Bourke in der ständigen Bedrohung durch einen globalen Atomkrieg und der damit verbundenen Auslöschung der gesamten Menschheit: „For many people the Cold War was more frightening than the Second World War.“[42] Auch im Standardwerk zum Kalten Krieg von Gaddis spielt Angst eine Rolle, ohne jedoch im Mittelpunkt seiner Analyse zu stehen:

„Die beiden Ideologien, die diese Welt prägten, sollten Hoffnung verbreiten: Deshalb hat man schließlich eine Ideologie. Eine von ihnen hing, wenn sie funktionieren sollte, allerdings davon ab, dass sie Angst erzeugte, während die andere dies nicht nötig hatte. Darin lag die grundlegende ideologische Asymmetrie des Kalten Krieges.“[43]

Trotz dieser ideologischen Asymmetrie wurde auf allen Seiten Angst als politisches Mittel instrumentalisiert, wenn auch in unterschiedlichen Formen. Zum Ersten basiert das Machtpotenzial der Atomwaffen weniger auf ihrer tatsächlichen Einsatzbarkeit, sondern auf dem von ihnen ausgehenden Abschreckungspotenzial: „Abschreckung basiert auf Angst, genauer gesagt dem Paradox, dass von ebenjenen Mitteln, die für die Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit aufgeboten wurde, die größtmögliche Gefahr ausging.“[44] Zum Zweiten spielte „psychological warfare“ im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg weltweit eine außerordentlich wichtige Rolle. Der Feind sollte über die Psyche angegriffen werden, und nicht über physische Angriffe.[45]

In diesem Kapitel sollen zuerst die Definitionen der „politischen Angst“ von Robin vorgestellt werden. Als Zweites folgt eine Präsentation der Narrative der Angst-Verstärkung von Glassner, die die Rolle der Medien für die politische Angst hervorheben. Daniele Ganser hat sich mit psychologischer Kriegsführung beschäftigt und gezeigt, dass politische Instrumentalisierung der Angst durch staatlich organisierten Terror auch in Demokratien der Nachkriegszeit stattgefunden hat. Diese „strategy of tension“ soll als Drittes vorgestellt werden. Zuletzt folgt ein Beispiel für die Grenzen der interpretativen Kraft der Emotionen im Rahmen der Geopolitik anhand des essayistischen Werks „Kampf der Emotionen“ von Moïsi.

Als Arbeitsdefinition politischer Angst dienen Robins Modi.[46] Den ersten Modus der politischen Angst definiert er als Instrumentalisierung von Definition und Interpretation der öffentlichen Angstobjekte. Dies bedeutet, dass von den Regierenden definiert und interpretiert wird, wovor die Bevölkerung sich fürchten muss. Dieser Modus setzt voraus, dass Politiker und Gesellschaft eine gemeinsame Identität teilen und dass beide sich gleichermaßen in ihrer geteilten Identität durch einen äußeren Feind bedroht fühlen.

Der zweite Modus der politischen Angst findet innerhalb der Gesellschaft statt und gewinnt aus den Konflikten zwischen verschiedenen (sozialen, politischen oder wirtschaftlichen) Gruppen an Potenzial. Auch diese Angst wird durch die politischen Führer geschürt und manipuliert, jedoch zum Zweck der Einschüchterung, so dass Sanktionen verhängt werden können, um sicherzustellen, dass eine Gruppe ihre Macht auf Kosten der anderen behalten und erweitern kann. Dass die Instrumentalisierung von politischer Angst nicht ohne Folgen auf die Gesellschaft ist, hebt Robin hervor: „[We become] united, not because we share similar beliefs or aspirations, but because we are equally threatened.“[47]

Um politische Angst in die Aufmerksamkeit und Imagination der Bevölkerung zu tragen, braucht es Narrative (und Medien), die diese Inhalte transportieren. Glassner unterscheidet drei Narrative der Angst-Verstärkung: Sie beinhalten erstens die stete Wiederholung und hervorgehobene Intensität des Eindrucks zweitens die Heraushebung einzelner Ereignisse als Trends und drittens die Ablenkung von anderen Gefahren. Dabei müssen Angst und Beruhigung in einem Balanceakt immer wieder gegeneinander aufgewiegelt werden.[48]

Daniele Ganser zeigt anhand der (Verschwörungs-)Theorien um 9/11 drei Narrative, wobei die beiden ersten genuine Angst-Strategien sind.[49] Nur eine der drei Strategien könne die Realität abbilden. Regierungen könnten Bedrohungen und damit einhergehende Angst berechnend zulassen („Let It Happen On Purpose“: LIHOP), kalkuliert inszenieren und instrumentalisieren („Make It Happen On Purpose“: MIHOP) oder durch einen Angriff überrascht werden („surprise“). Dass auch demokratische Staaten durchaus die „strategy of tension“[50] gegen die Bevölkerung einsetzen, belegt das Beispiel der über 40 Jahre lang bis 1990 im geheimen operierenden NATO-Geheimarmee „Gladio“ eindrucksvoll:[51] Die von „Gladio“ in Italien nachweisbar ausgeführten „psychological warfare operations“ („PSYWAR“) waren terroristische Anschläge im Auftrag des Staats, deren politische Logik darin bestand, größtmögliche Angst in der italienischen Bevölkerung auszulösen, um das Ansehen der italienischen Kommunisten zu schwächen.[52] Diese Strategie ist natürlich nur schwer nachweisbar, weil sie unter allen Umständen geheim gehalten werden musste:

„[…] once the target has noticed that his psyche is being manipulated through PSYWAR, the technique loses much of its effect. This warfare, therefore, relies heavily on secrecy and on the ignorance of the target group. […] Through the global extension of the media system, during the last decades, the intensity of PSYWAR has greatly increased, as the pictures and texts, circulated widely nowadays are ideally suited to influence our thought and feelings.“[53]

Für diese Arbeit ist die Frage relevant, ob es auch im Nachkriegsdeutschland solche Geheimtruppen gegeben hat, oder ob bewusst eine „strategy of tension“ genutzt wurde.

Ein Beispiel für Grenzen der historischen Emotionsforschung zeigt sich im Buch „The Clash of Emotions“[54] von Dominique Moïsi. Kritisiert werden muss hier, dass er die Emotionszustände „Angst“ (im Westen), „Hoffnung“ (in Asien) und „Demütigung“ (in der arabischen Welt) pauschalisiert über verschiedene Nationen und Kulturen hinweg, allein auf Basis persönlicher Erfahrungen zuordnet.[55] Diese Emotionen sollten den Grad des Selbstvertrauens bzw. Selbstbewusstseins („confidence”) in den jeweiligen Gesellschaften spiegeln.[56]

Die genannten Forschungsdiskurse zeigen, dass die Geschichtswissenschaft sich der Emotionsforschung öffnen und deren methodischen Bestrebungen fortführen muss. Sie helfen, die Grenzen zwischen subjektiven, persönlichen Vermutungen und klar definierten, methodisch nachvollziehbaren und begründeten, wissenschaftlichen Ergebnissen klar zu ziehen. Dies gilt besonders für den Faktor der politischen Angst im Kalten Krieg und in den internationalen Beziehungen allgemein.

Nachdem eine theoretische und definitorische Basis für die historische Emotionsforschung geschaffen wurde, wird im zweiten Abschnitt anhand dieser Theorien und Methoden der Faktor „Angst“ vor dem Koreakrieg bei der westdeutschen Bevölkerung, Konrad Adenauer und seiner Politik untersucht.


  1. Lefebvre, Georges: La grande peur de 1789, Paris: Colin 1970; Delumeau, Jean: La Peur en Occident, Paris: Fayard 1978; Dinzelbacher, Peter: Angst im Mittelalter, Paderborn: Schöningh 1996.
  2. Bode, Sabine: Die deutsche Krankheit. German Angst, München: Piper 2008.
  3. Greiner, Bernd, Christian Th. Müller und Dierk Walter (Hrsg.): Angst im Kalten Krieg, Bd. 3, Hamburg: Hamburger Edition 2009 (Studien zum Kalten Krieg); Bormann, Patrick, Thomas Freiberger und Judith Michel (Hrsg.): Angst in den Internationalen Beziehungen, Göttingen: V&R unipress 2010.
  4. Nicht zu verwechseln mit  Lucien Febvre, dem Gründer der „Annales d’histoire économique et social“, vgl. Kap. 2.2.1.
  5. Lefebvre: La grande peur de 1789.
  6. Delumeau: La Peur en Occident; Delumeau, Jean: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14.–18. Jahrhunderts, Bd. 503, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989 (Rowohlts Enzyklopädie. Kulturen und Ideen).
  7. Zeldin: „Personal History and the History of the Emotions“, S. 345.
  8. Stearns, Peter N. und Timothy Haggerty: „The Role of Fear: Transitions in American Emotional Standards for Children, 1850-1950“, in: The American Historical Review 96/1 (1991), S. 63-94, hier S. 64.
  9. Bourke: „Fear and Anxiety“, S. 112.
  10. Dinzelbacher: Angst im Mittelalter; vgl. auch Dinzelbacher, Peter (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart: Kröner 1993 (Kröners Taschenausgabe 469).
  11. Rosenwein: „Worrying about emotions in history“, S. 833.
  12. Ebd., S. 834.
  13. Bode: Die deutsche Krankheit. German Angst.
  14. Ebd., S. 32f.
  15. Joffe, Josef: „Atomausstieg: ‚German angst‘“, in: Zeit Online - Politik (10.06.2011), http://www.zeit.de/2011/24/P-Zeitgeist-German-Angst [abgerufen am 11.06.2011].
  16. Bode: Die deutsche Krankheit. German Angst, S. 60f.
  17. Biess, Frank: „German Angst“, in: Psychologie heute 36/2 (2009), S. 29-34, hier S. 29; vgl. Biess, Frank: „‚Jeder hat eine Chance‘. Die Zivilschutzkampagnen der 1960er Jahre und die Angstgeschichte der Bundesrepublik“, in: Greiner, Bernd, Christian Th. Müller und Dierk Walter (Hrsg.): Angst im Kalten Krieg, Hamburg: Hamburger Edition 2009 (Studien zum Kalten Krieg 3), S. 61-93.
  18. Rosen, George: „Deutsche Nachkriegskinder. Methoden und erste Ergebnisse der deutschen Längsschnittuntersuchungen über die körperliche und seelische Entwicklung im Schulkindalter“, in: American Journal of Public Health and the Nations Health 47/5 (1957), S. 623-624.
  19. Bode: Die deutsche Krankheit. German Angst, S. 272.
  20. Frevert: „Angst vor Gefühlen? Die Geschichtsmächtigkeit von Emotionen im 20. Jahrhundert“, S. 106.
  21. Bourke: „Fear and Anxiety“, S. 129.
  22. Bourke: „Fear and Anxiety“; Bourke: Fear.
  23. Bourke: „Fear and Anxiety“, S. 111: „[Fear is] the most influential emotions in humanity’s history“.
  24. Bourke: Fear, S. 391.
  25. Bourke: „Fear and Anxiety“, S. 125.
  26. Bourke: Fear, S. 230.
  27. Ebd., S. 253.
  28. Bourke: „Fear and Anxiety“, S. 113.
  29. Ebd.
  30. Ebd.
  31. Ebd., S. 124.
  32. Ebd., S. 116: „only to the extent that they transcended the insularity of individual psychological sensation and „presented the self within society’“.“
  33. Ebd., S. 114.
  34. Ebd., S. 129.
  35. Ebd., S. 127.
  36. Bourke: Fear, S. 191.
  37. Furedi: Politics of Fear; Gardner, Daniel: The Science of Fear. How the Culture of Fear Manipulates Your Brain, New York: Plume 2009; Greiner, Bernd: 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen, München: Beck 2011; Robin, Corey: Fear. The History of a Political Idea, Oxford (USA): Oxford University Press 2004; Winkel, Anne: Der 11. September und die Angst. Perspektiven in Medien, Literatur und Film, Marburg: Tectum 2011.
  38. Greiner: 9/11, S. 9.
  39. Nehring, Holger: „Angst, Gewalterfahrung und das Ende des Pazifismus. Die britischen und westdeutschen Proteste gegen Atomwaffen, 1957-1964“, in: Greiner, Bernd, Christian Th. Müller und Dierk Walter (Hrsg.): Angst im Kalten Krieg, Hamburg: Hamburger Edition 2009 (Studien zum Kalten Krieg 3), S. 436-464, hier S. 436.
  40. Bormann/Freiberger/Michel: „Theoretische Überlegungen zum Thema Angst in den Internationalen Beziehungen“, S. 15.
  41. Bormann, Patrick, Thomas Freiberger und Judith Michel (Hrsg.): Angst in den Internationalen Beziehungen, Göttingen: V&R unipress 2010.
  42. Bourke: Fear, S. 258.
  43. Gaddis, John Lewis: Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, übers. v. Klaus-Dieter Schmidt, München: Siedler 2007, S. 125.
  44. Greiner, Bernd: „Angst im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick“, in: Greiner, Bernd, Christian Th. Müller und Dierk Walter (Hrsg.): Angst im Kalten Krieg, Hamburg: Hamburger Edition 2009 (Studien zum Kalten Krieg 3), S. 7-31, hier S. 17.
  45. Ganser: „Fear as A Weapon. The Effects of Psychological Warfare on Domestic and International Politics“, S. 28.
  46. Robin: Fear, S. 18.
  47. Ebd., S. 6.
  48. Winkel: Der 11. September und die Angst, S. 52.
  49. Ganser, Daniele: „The terrorist attacks of September 11 2001. What do we know ten years later?“, in: DanieleGanser.ch - Vorträge (01.09.2011), http://www.danieleganser.ch/Vortrege.html [abgerufen am 27.10.2011].
  50. Ganser: „Fear as A Weapon. The Effects of Psychological Warfare on Domestic and International Politics“, S. 33.
  51. Vgl. Ganser, Daniele: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, 3. Aufl., Zürich: Orell Füssli 2009.
  52. Ganser: „Fear as A Weapon. The Effects of Psychological Warfare on Domestic and International Politics“, S. 35.
  53. Ebd., S. 29.
  54. Moïsi: „The Clash of Emotions“; Moïsi: Kampf der Emotionen.
  55. Moïsi: Kampf der Emotionen, S. 20f.
  56. Ebd., S. 52.

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