2. Theorien und Methoden der Emotions- und Angstforschung

2.3 Die Erforschung der Angst

„Angstforschung hat eine lange Vergangenheit,
aber nur eine kurze Geschichte.“
[1]

Auch wenn es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Pionierleistungen zur psychologischen und biologischen Emotionsforschung gegeben hat, wird Angst in diesen Disziplinen erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs systematisch erforscht.[2] Die biologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Grundlagen der Angst werden in Kapitel 2.3.2 gerafft vorgestellt. Die Ergebnisse sollen erstens zur Vermeidung von Missverständnissen dienen und zweitens eine Arbeitsdefinition für die Emotion „Angst“ liefern, die sowohl historiographischen als auch interdisziplinären Ansprüchen genügt.

Trotz der kurzen Forschungsgeschichte kennen Menschen Angst schon seit dem Ursprung ihres Daseins. Religion prägt den Umgang der Menschen mit ihren Ängsten über Jahrtausende. Um das Handeln historischer Akteure zu interpretieren, muss also auch die Religion, besonders wenn sie eine zentrale Dimension ihres Menschseins ausmacht, verstanden werden. Für Adenauer und die westdeutsche Bevölkerung ist das Christentum relevant, das daher hier in seinem Umgang mit Angst untersucht werden soll.

Die Existenzphilosophen verstanden „Angst“ gerade als Auszeichnung des Menschen gegenüber den Tieren, weil die Angst zeige, dass es den Menschen in ihrer Existenz um mehr gehe, als um Leben (oder Tod) selbst: nämlich um ein gelingendes Leben. Kierkegaard war überzeugt, dass die Überwindung der Angst nur durch Glauben möglich sei. Er unterschied zwischen „Furcht“ und „Angst“, je nachdem, ob diese auf bestimmte und unbestimmte Sachverhalte oder Objekte gerichtet ist, eine Trennung, die auch noch in aktuellen Forschungsdiskursen genutzt wird, aber die Gefahr der Zuschreibung von Irrationalität birgt. Nussbaums Unterscheidung von Hintergrund- und Situationsemotionen wird daher präferiert. Diese Gedanken werden im folgenden Kapitel 2.3.1 vorgestellt und diskutiert.

2.3.1 Angst in Religion und Philosophie

Angst ist die erste Emotion überhaupt, die in der Bibel Erwähnung findet. Das Christentum schürt Ängste, vor allem im Alten Testament, durch Androhung von Strafen wie dem letzten Gericht oder dem Fegefeuer, um sie darauf mit der paradox erscheinenden Aufforderung, sich nicht zu fürchten und Gott zu vertrauen, zu mindern. Es gibt unterschiedliche Ängste, die in der Bibel beschrieben und beschworen werden. Wie Augustinus unterschied Thomas von Aquin „die niedrige Furcht vor Strafe (timor servilis) von der höher bewerteten Furcht vor Schuld aus Ehrfurcht vor Gott (timor castus).“[3] Der Schlüssel zum Verständnis des Zusammenwirkens dieser Ängste ist, dass die „Ehrfurcht“ vor Gott eine Befreiung von der „kognitiven Angst vor dem Verlust der Welt und einem bestraften Leben danach“ darstellt.[4] Aus der unkontrollierbaren Angst vor dem Tod wird eine kontrollierbare Angst vor Gott.

Diese Idee der christlichen „Angsttransformation“ spielt eine bedeutende Rolle beim Verständnis der Angst in der frühen Neuzeit, deren „Geschichte nicht ohne religiöse und kosmologische Hintergründe und Horizonte verständlich“[5] wird. Durch die alleinige Übertragung moderner Angst-Theoreme werden „die frühneuzeitlichen Konzepte von Furcht und Angst verstellt“[6]. Wer Ängste historisch untersuchen will, muss also nicht nur die zeitgenössische Definition von Angst kennen, sondern auch die Konzepte und Theorien der Angst aus der jeweiligen Zeit beachten, um sie deuten zu können.

Die Philosophie hat sich seit der Antike wenig mit dem Thema „Angst“ beschäftigt. Erst die Existenzialisten Kierkegaard, Heidegger und Sartre greifen das Thema auf, weil sie „Angst“ (im Gegensatz zur „Furcht“) nicht mehr als zufällig und nebensächlich betrachten, sondern gerade als Auszeichnung des Menschen gegenüber den Tieren. „Angst“ zeige, dass es dem Menschen im Leben um etwas geht, nämlich ein gelingendes oder scheiterndes Leben, und nicht nur um Leben und Tod.

Søren Kierkegaard sieht in seinem Werk „Der Begriff Angst“[7] existenzielle, also auf die menschliche Existenz bezogene „Angst“ als charakteristisch für das Denken an. Nur durch Glauben lasse sich diese „Angst“ überwinden. Von Kierkegaard stammt die Unterscheidung zwischen „Angst“ und „Furcht“: „Furcht“ ist auf (mehr oder weniger) bestimmte Gegenstände oder Sachverhalte gerichtet, „Angst“ ist unbestimmt. Diese Unterscheidung wird von Heidegger und Sartre aufgegriffen.[8] Für Heidegger haben Menschen „Angst“ durch ihr „In-der-Welt-sein“ angesichts des Todes.[9] Für Sartre ist „Angst“ das Bewusstsein der eigenen Freiheit.[10] In ein und derselben Situation kann sowohl „Angst“ als auch „Furcht“ empfunden werden: „Angst“ bezieht sich auf den Menschen als freies Wesen. Der Mensch habe „Angst“ davor, wie er sich verhalten werde („Angst“ im Sinne des Bewusstseins der Freiheit). Die „Furcht“ richtet sich darauf, was dem Menschen (als unfreien Wesen) zustoßen könnte. Auch „Angst“ ist nicht „objektlos“ oder „intentional ungerichtet“, sondern (je nach Philosoph) auf die Welt als Ganzes, das Nichts, das In-der-Welt-Sein etc. gerichtet.

Zwischen „Angst“ und „Furcht“ zu unterscheiden wird als problematisch erachtet, da „diese Unterscheidung weder im wissenschaftlichen noch im allgemeinen Sprachgebrauch konsequent durchgehalten wird“.[11] Bei der Interpretation der Quellen muss „von einem unreflektierten Gebrauch der beiden Begriffe“ ausgegangen werden.[12] Die Differenzierung Kierkegaards wird jedoch zur Interpretation historischer Prozesse angewandt, wenn auch oft in verschiedenen Definitionen.[13] Bourke problematisiert diese Unterscheidung, da sie oft zu einer Zuschreibung von Rationalität zu „Furcht“ und Irrationalität zu „Angst“ führe. Dies sei Teil der diskursiven Macht sozialer Institutionen, die beispielsweise durch die Definition und Benennung eines Feindes „Angst“ in „Furcht“ transformieren können, was sich wiederum auf die sozialen Beziehungen auswirkt (vgl. Kap. 2.4.3). Nussbaum präferiert daher die Unterscheidung zwischen Situations- und Hintergrundemotionen (vgl. Kap. 2.1.1), zu dem sie ein Beispiel liefert: „[…] many people have an ongoing fear of death that has psychological reality, that motivates their behavior in ways that can be shown, even though it is only in certain circumstances that the fear is noticed.“[14] In dieser Arbeit sollen daher, die Begrifflichkeiten Nussbaums bevorzugt werden, um eine Zuschreibung von Irrationalität zu vermeiden.

2.3.2 Biologie und Psychologie der Angst

Auch wenn Methodik und Forschungsperspektiven der Naturwissenschaften als empirische Wissenschaften meist von denen der Geschichtswissenschaft abweichen, ist der Austausch bei der Definition von Angst und die Unterscheidung von Angstformen bei der historischen Arbeit nützlich. Interdisziplinarität ist auch wichtig, weil Angst biologische Grundlagen hat, die der Historiker verstehen muss, wenn er die kulturelle Seite der Angst untersucht.

Auch hier soll, wie bei den Emotionen, eine geläufige psychologische Angstdefinition als Arbeitsdefinition dienen. Charles Donald Spielberger sieht „Angst als einen Zustand, der durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems, sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens sowie durch verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist.“[15] Auf solche Anzeichen können Historiker in ihren Quellen achten. Im Folgenden werden die wichtigsten neurobiologischen Kenntnisse der Angstverarbeitung im Gehirn und Kenntnisse aus den Bereichen der Psychologie vorgestellt. Wenn abgesehen von der Begriffsdefinition eine zusätzliche Bedeutung dieser Erkenntnisse für die Geschichtswissenschaft ausgeht, wird diese kurz diskutiert.

In der Allgemeinen Psychologie wird meist zwischen drei Formen der Angst unterschieden: Schreck, Furcht und Angst.[16] Ein „Schreck“ ist eine reflexartige, unter Beteiligung evolutionär entwickelter Nervenkreise unbewusst gesteuerte Reaktion auf ein Ereignis, z. B. ein lautes Geräusch. „Furcht“ greift zusätzlich auf erlernte Erfahrungen zurück (die unbewusst sein können, bspw. durch Konditionierung erlernt), die bei der Beurteilung des Gefährdungspotentials einer Situation helfen. Die Empfindung von Furcht bereitet den Körper auf eine potenzielle Kampf-oder-Flucht-Reaktion vor. Wenn das Gedächtnis von einer (traumatischen) Erfahrung geprägt ist, kann eine starke bis überzeichnete Reaktion auftreten, die als „Angst“ bezeichnet wird. Schon allein Erinnerungen, Vorstellungen oder andere Gedanken können  reichen, um eine solche „Angst“ auszulösen. Auch positive Erfahrungen können diese „Angstspur“ nur selten überdecken.[17] Besonders „Angst“ in der psychologischen Definition greift auf Erfahrungen zurück, die der Historiker zu rekonstruieren versuchen kann. Außerdem kann die Unterscheidung von kurzfristigen und langfristigen Angstreaktionen und ihren Bedingungen bei der Interpretation historischer Ereignisse hilfreich sein.

Auf neurobiologischer Ebene ist Angst die am besten verstandene Emotion.[18] Dazu haben vor allem Tierversuche beigetragen. Selbst Lebewesen, wie die genau untersuchte Meeresschnecke Aplysia, die nur wenige hundert Nervenzellen besitzt, können Angstreaktionen erlernen.[19] Die Grundlagenforschung zeigt, dass Angst als Reiz-Reaktion-Mechanismus die Verbindungen zwischen gewissen Nervenzellen stärkt und diese Nervenzellen bei dauerhafter Reizung zusätzliche dauerhafte Verknüpfungen aufbauen.

Durch die erst seit 20 Jahren verfügbaren, funktionalen bildgebenden Verfahren wird immer mehr darüber bekannt, welche Gehirnregionen beim Menschen bestimmte Funktionen im hochkomplexen neuronalen Netzwerk übernehmen. Für die Angstverarbeitung im Gehirn existieren zwei getrennte Bahnen, die zur Amygdala verlaufen:[20]

„Information about the conditioned stimulus is transmitted through the sensory pathways to the thalamus and cortex, and from each of these brain regions to the amygdala. These two independent sensory inputs into the amygdala are differentially involved in fear processing. […] The ‚low road’ or thalamic pathway provides the amygdala with a rapid but imprecise representation of the sensory input, while the cortical path or ‚high road’ conveys a more complex representation based on cortical computations.“[21]

Der Amygdala kommt die zentrale emotionale Bewertung der Sinnesreize zu, vor allem bei negativen Emotionen wie Angst, Wut und Ekel. Arvid Ley umschreibt sie als emotionalen „Radarschirm der neuronalen Raketenabwehr“[22], der beispielsweise dann Alarm schlägt, wenn wir andere ängstliche Gesichter sehen, ein Grund dafür, warum Angst so ansteckend ist. Hier wird die soziale Dimension der Angst auf biologischer Ebene erkennbar. Die Amygdala ist über direkte Nervenverbindungen mit dem Hypothalamus verschaltet, der die physiologischen Reaktionen auf die Emotion auslöst. Von hier aus wird das vegetative Nervensystem sowie Hormonausschüttung gesteuert und der Körper somit auf Kampf oder Flucht vorbereitet: Der Puls wird schneller, die Atmung tiefer, Schweiß wird gebildet. Die Verarbeitung und Reaktion auf der „low road“ läuft unbewusst ab. Erst im Nachhinein kann eine kognitive Bewertung der Situation stattfinden: „First, you react – evolution thinks for you. Then you act – you’re dependent on past experience and your ability to make decisions in this phase.“[23] Die „high road“ führt über den präfrontalen Cortex in die Amygdala. Der Cortex ist in der Evolutionsgeschichte der Gehirnteil, der beim Menschen am besten ausgebildet ist und wo die uns eigene analytische und kognitive Rechenkraft verortet ist. Bei Gefahrensituationen schärft die Amygdala die Aufmerksamkeit, die Wahrnehmung und das Gedächtnis.[24] Angst verändert also das Gedächtnis. Zudem wird sie unbewusst abgespeichert, wie dieses Experiment zeigt:

„Dass das Angstgedächtnis unbewusst wirken kann, erkannte erstmals Edouard Claparède (1873–1940) Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Genfer Arzt behandelte eine Patientin, die sich auf Grund einer Hirnschädigung keine neuen Ereignisse mehr merken konnte. Bei jeder Begegnung musste er sich ihr neu vorstellen. Einmal hielt er beim Händeschütteln einen Reißnagel in der Handfläche verborgen. Beim nächsten Treffen weigerte sie sich, dem Arzt die Hand zu schütteln, obwohl sie dafür keine vernünftige Erklärung geben konnte. Claparède schloss daraus, dass ein zweites, unbewusstes Gedächtnis sie gewarnt haben musste.“[25]

Die Amygdala sorgt für dieses implizite Angstgedächtnis, während der Hippocampus, eine weitere Gehirnregion, für das deklarative Gedächtnis verantwortlich ist. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Verletzungen der Amygdala dazu führen, dass Angstreize keine Angstreaktion mehr auslösen, während Läsionen des Hippocampus zu einem Verlust der Erinnerung an den Kontext des Angstreizes führen.[26] Das implizite Gedächtnis lässt sich auch nicht wieder auslöschen, wie Tierversuche zeigen: „Defensive reactions to stimuli previously associated with physical threat, even if weakened by experiences throughout life, can recover spontaneously or in the face of stressful events.“[27] Insbesondere bei traumatischen Stresssituationen, wie Krieg oder Naturkatastrophen entsteht eine Überstimulation, die später durch andere Reize leicht reaktiviert werden kann.[28]

Angst kann durch den präfrontalen Cortex, der Region für analytisches Denken, zeitweise unterdrückt werden.[29] „Hierzu legt der präfrontale Cortex eine eigene Gedächtnisspur an, das so genannte Extinktionsgedächtnis, welches das Furchtgedächtnis [der Amygdala] überschreiben kann.“[30] Diese Möglichkeiten des Cortex bilden das Unterscheidungsmerkmal der menschlichen zur tierischen Angst:[31]

„Die, verglichen mit Tieren, ungleich ausgeprägtere Bereitschaft des Menschen, Angst zu erleben, ist wesentlich mitbestimmt durch seine hochentwickelte Fähigkeit Symbole zu verwenden und Zukunftserwartungen auszubilden. Mit symbolisch ist hier gemeint, daß diejenigen Situationsaspekte, die im wesentlichen an der Angstauslösung beim Menschen beteiligt sind, überwiegend nicht durch ihre Merkmale wirken, sondern über ihre Verbindung zu Erwartungen, Wissensinhalten, Begriffen, Vorstellungen und Werten der betreffenden Person.“[32]

Das subjektive Empfinden der Angst wird nur bei neuronal höherentwickelten Tieren vermutet, die Bewusstsein besitzen.[33] „‚Vielleicht ist der Mensch das furchtsamste Wesen, da zu der elementaren Angst vor Fressfeinden und feindseligen Artgenossen intellektuell begründete Existenzängste hinzukommen’, meinte dazu der Anthropologe und Ethnologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt.“[34] Menschen können also nicht nur in Angesicht der Gefahr Angst verspüren, sondern durch ihre Gedanken, Erfahrungen und Zukunftserwartungen. Dies führt in extremer Form zu einer „Angst vor der Angst“. Damit sind aber zwei unterschiedliche Angstformen gemeint, nämliche eine „kognitive“ Angst, die auf die „körperlich erlebte“ Angst reagiert, z. B. eine Angst vor dem unkontrollierbaren Herzrasen.

Ein psychologisches Modell für Bewältigungsmodi der Angst findet sich bei Krohne.[35] Nach einer habituellen Aufmerksamkeitsorientierung bei bedrohlichen Informationen folgen zwei mögliche Reaktionen – verstärkte Aufmerksamkeit oder kognitive Vermeidung – die in der Theorie davon abhängen, ob eher die oben genannte „Angst vor Gefahr“ oder die „Angst vor der Angst“ toleriert werden können.

Die Unterscheidung zwischen Angst als kurzfristigem Zustand („state“) und Ängstlichkeit als Dimension eines dauerhaften und teilweise erblichen Persönlichkeitsmerkmals („trait“), stammt aus der Persönlichkeitspsychologie.[36]

Wenn Ängstlichkeit den durch Kriterien festgelegten Normbereich überschreitet, wird in der Klinischen Psychologie zwischen phobischen Störungen (auf Situationen bezogen), anderen Angststörung (ohne bestimmte Situation, z. B. generalisierte Angststörung), und der Posttraumatischen Belastungsstörung nach psychisch stark belastenden Ereignissen unterschieden.[37] Untersuchungen der Klinischen Psychologie zeigen, dass die Häufigkeit der genannten psychiatrisch relevanten Angsterkrankungen sich nach heutigen Kenntnissen bei äußeren Katastrophen oder Krisen nicht ändert, also kein Mittel darstellt, um beispielsweise ein historisches „Angstbarometer“ der Bevölkerung zu erstellen.[38] Diese Stabilität der klinischen Angststörungen bestätigt die größte europäische Studie zu psychiatrischen Erkrankungen, durchgeführt von Hans-Ulrich Wittchen. Sie zeigt keine signifikante Veränderung in der jährlichen Inzidenz von Angststörungen im Zeitraum von 2005 bis 2011. Laut dieser Studie leiden etwa 14% der Europäer mindestens einmal im Jahr unter einer Angststörung, womit sie die häufigste psychische Krankheit ist.[39] Feststellen ließen sich nur kurze Angstschübe in der Bevölkerung, die aber nach vier Wochen meist wieder vergessen sind, sagt Angstforscher Bandelow: „Katastrophen führen bei Angstpatienten nicht zu einer Verschlimmerung; sie machen sich nur Sorgen wie jeder andere auch. Katastrophen und Ängste lösen meist nur kurzfristige Wellen der Furcht aus. Kollektive Ängste haben eine Halbwertszeit von vier Wochen.“[40] Zu untersuchen ist, ob sich diese Halbwertszeit auch bei historischen Ereignissen beobachten lässt.

Die Sozialpsychologie verfolgt mit der Terror-Management-Theorie einen interessanten Ansatz zur Angstforschung, die die Frage in den Fokus stellt, warum Menschen einen so hohen Aufwand betreiben, um ihren Selbstwert zu heben und welche Auswirkungen dies auf das Verhalten von Individuen in Gruppen hat. Dieser Selbsterhaltungstrieb löse bei der Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit eine lähmende Angst aus, die nur durch zwei „kulturelle Angstpuffer“ kontrolliert werden könne.[41] Diese bestünden erstens aus einem sozialen Konsens von Wertestandards und Normen, die Sicherheit vermitteln (kulturelle Weltanschauung), und zweitens aus dem individuellen Selbstwert, der durch Lebensführung entlang dieser Wertestandards erworben wird.

„Cultural worldviews and self-esteem are thus vitally important for relatively anxiety-free living, and people go to incredible lengths to maintain and defend them, because of the protection from existential anxiety that they provide.“[42]

Aus einer Erinnerung an die eigene Sterblichkeit resultierte in Studien eine Abwertung von Fremden und eine Aufwertung der Gruppenmitglieder. Diese Theorie erklärt den verstärkten Nationalismus bei kollektiven Ängsten und ist auf individueller Ebene empirisch sehr gut belegt, auch wenn es aufgrund der unbewusst ablaufenden neurologischen Prozesse schwierig bis unmöglich ist, diese empirisch gut belegte Theorie an sich selbst zu beobachten.[43] Die Forscher dieser Theorie stellen die Bedeutung des Faktors „Angst“ daher als unbewusst gesteuertes Machtinstrument sowohl für Wirtschaft, Politik und Medien heraus: „fear and associated emotions by nature may affect our psychological and social life before they can be consciously controlled.“[44]

Hieraus resultieren zwei historisch relevante Fragestellungen, nämlich ob angsterregenden Ereignissen verstärkte Abwertung Fremder folgt und zweitens ob verstärkt Wertestandards und Normen nach erschreckenden Ereignissen propagiert werden.


  1. Krohne, Heinz Walter: Angst und Angstbewältigung, Stuttgart: Kohlhammer 1996, S. 3; Krohne zitiert dabei ein paraphrasiertes Zitat von Ebbinghaus: Ebbinghaus, Hermann: „Psychologie“, in: Dilthey, Wilhelm (Hrsg.): Systematische Philosophie, Berlin/Leipzig: B.G. Teubner 1907, S. 173-246, hier S. 173.
  2. Krohne: Angst und Angstbewältigung, S. 3.
  3. Vaas, Rüdiger: „Schrecken im Gehirn“, in: Geist & Gehirn 1 (2002), S. 80-87, hier S. 82.
  4. Loder, James E.: „Angst/Furcht“, in: Betz, Hans Dieter u. a. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck 1998, S. 496-499, hier S. Sp. 496.
  5. Bähr, Andreas: „‚Unaussprechliche Furcht‘ und Theodizee. Geschichtsbewusstsein im Dreißigjährigen Krieg“, in: Werkstatt Geschichte 49 (2008).
  6. Ebd.
  7. Kierkegaard, Søren: Der Begriff Angst, Hamburg: Meiner 1984 (Philosophische Bibliothek 340).
  8. Görlich, Bernhard: „Angst“, in: Wulf, Christoph (Hrsg.): Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Beltz 1997, S. 874-884, hier S. 878; Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 82; Dank an Ruth Rebecca Tietjen für die Hinweise auf die philosophischen Aspekte der Angst-Forschung: Tietjen, Ruth Rebecca: „Exposé zum Dissertationsvorhaben ‚Philosophie der Angst‘“ (2011).
  9. Heidegger, Martin: Sein und Zeit, 18. Aufl., Tübingen: Max Niemeyer 2001.
  10. Sartre, Jean-Paul: L’ être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique, Paris: Gallimard 1943.
  11. Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 84.
  12. Bormann/Freiberger/Michel: „Theoretische Überlegungen zum Thema Angst in den Internationalen Beziehungen“, S. 29.
  13. Vgl. ebd., S. 34.
  14. Nussbaum: Upheavals of thought, S. 70.
  15. Krohne: Angst und Angstbewältigung, S. 5; Krohne fasst die Definition Spielbergers zusammen: Spielberger, Charles Donald und Ernest S. Barratt (Hrsg.): Anxiety. Current trends in theory and research, New York: Academic Press 1972.
  16. Kupferschmidt, Kai: „‚Furcht sichert unser Überleben‘. Interview mit Angstforscher Hans-Christian Pape“, in: DasGehirn.info (25.08.2011), http://dasgehirn.info/denken/emotion/201efurcht-sichert-unser-ueberleben201c/ [abgerufen am 13.09.2011].
  17. Vgl. drei Arten der Angst bei: ebd.
  18. Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 80.
  19. Vgl. Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis.
  20. LeDoux, Joseph: Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen, München: dtv 2001.
  21. Debiec, Jacek und Joseph LeDoux: „Fear and the brain“, in: Social research 71/4 (2004), S. 807-818, hier S. 809.
  22. Leyh, Arvid: „Angst im Hirn. Die Amygdala“, in: Braincast (16.06.2007), http://www.scilogs.de/blogs/blog/braincast/2007-06-16/angst-im-hirn-die-amygdala [abgerufen am 16.10.2011], bei 4:20 Min.
  23. „Coffee Mug“: „10 Questions for Joseph LeDoux“, in: Gene Expression (07.08.2006), http://www.gnxp.com/blog/2006/08/10-questions-for-joseph-ledoux.php [abgerufen am 15.10.2011].
  24. Vaas: „Schrecken im Gehirn“.
  25. Ebd.
  26. Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis, S. 369.
  27. Debiec/LeDoux: „Fear and the brain“, S. 814.
  28. Krohne: Angst und Angstbewältigung, S. 277.
  29. Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 87; Indovina, Iole u. a.: „Fear-Conditioning Mechanisms Associated with Trait Vulnerability to Anxiety in Humans“, in: Neuron 69/3 (2011), S. 563-571.
  30. Kupferschmidt: „Furcht sichert unser Überleben“.
  31. Vgl. Tembrock, Günter: Angst. Naturgeschichte eines psychobiologischen Phänomens, Darmstadt: WBG 2000: Tembrock folgt der Spur der Angst durch die Evolution vom Tier zum Menschen aus biologischer Perspektive.
  32. Krohne: Angst und Angstbewältigung, S. 285; Görlich: „Angst“, S. 875.
  33. Debiec/LeDoux: „Fear and the brain“, S. 808.
  34. Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 82.
  35. Krohne: Angst und Angstbewältigung, S. 143–145.
  36. Ebd., S. 4; Vaas: „Schrecken im Gehirn“, S. 80.
  37. Weltgesundheitsorganisation und E. Schulte-Markwort: Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10), hrsg. v. Horst Dilling, W. Mombour und M. H. Schmidt, 5. Aufl., Bern: Huber Hans 2004, Abschn. F40,F41.
  38. Siefer, Werner: „Lohn der Angst“, in: Focus 14 (2011), S. 80-87, hier S. 82.
  39. Wittchen, Hans-Ulrich u. a.: „The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010“, in: European Neuropsychopharmacology 21/9 (2011), S. 655-679, hier S. 656.
  40. Siefer, Werner: „Sorgen kreativ nutzen“, in: Focus 14 (2011), S. 88, hier S. 88.
  41. Psyszynski, Tom: „What are we so afraid of? A Terror Management Theory Perspective on the Politics of Fear“, in: Social research 71/4 (2004), S. 827-848, hier S. 832.
  42. Ebd.
  43. Ebd., S. 837.
  44. Debiec/LeDoux: „Fear and the brain“, S. 814.

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